SZ-Kritik Der nackte Wahnsinn

Schauspieler spielen Theater im Theater

Dramatischer Verein begeistert mit „Der nackte Wahnsinn“ das Silvesterpublikum

Da setzt dich nieder: Irgendwann wird sogar dem Regisseur (Martin Schäffer) das Verhalten seiner chaotischen Theatertruppe zu viel.

 

Günter Vogel

Biberach sz „Der nackte Wahnsinn“ heißt das diesjährige Silvesterstück des Dramatischen Vereins, inszeniert von Jan Sandel. Am letzten Abend des alten Jahres gelang dem Ensemble damit eine mitreißende, temporeiche Premiere.

Das Stück des Engländers Michael Frayn ist einer der erfolgreichsten Schwänke des 20. Jahrhunderts. Und der nackte Wahnsinn spielt sich vor, in und hinter den Kulissen eines chaotischen Tourneetheaters in extremer Form ab. Da geht es um Liebe, Eifersucht, Unfähigkeit, Arroganz, aber irgendwie auch um Theaterarbeit. Neun Schauspieler spielen Theater im Theater. Man ist bei einer Generalprobe, und die ebenso alte wie falsche Behauptung, dass eine Generalprobe schiefgehen muss, wird zum Leitmotiv. Worum es in dem geprobten Stück geht, ist ohnehin gleichgültig.

Sie hauen einen Wortwitz nach dem anderen heraus, steigern die Körpersprache zur Groteske, agieren mit wilden Slapsticks, befeuern idiotische Vorurteile wie das von der doofen Blondine in Unterwäsche. Die verliert auch noch eine Kontaktlinse, tappert herum wie die Monroe in „How to marry a Millionaire“, findet die Linse schließlich im Augenwinkel wieder. Und den klassischen Satz darf sie auch sagen: „Ich habe nichts anzuziehen!“ Anfangs starrt sie ständig auf ihr Smartphone; das ist heutzutage halt das „wahre Leben“.

Sie reden sich mit falscher Liebenswürdigkeit als Herzchen, Darling, Engel, Herzblatt an. Sprachgrazie ist aber insgesamt Fehlanzeige; der vom Autor vorgegebene Umgangston ist flaches Geschwafel.

Die Darsteller des Dram leisten Schwerstarbeit. Permanent rennen sie Treppen hinauf und herunter, Türen (insgesamt acht) gehen ständig auf und zu, von allen Seiten knallen die Textfetzen. Bestens einstudiertes Tohuwabohu!

Der Originaltitel lautet „Noises off“, das heißt „Ruhe bitte“, aber keine Sekunde hält sich der Action-Haufen daran. Ein schier monumentaler Bühnenaufbau, der aufgrund seiner Drehbarkeit vorne und hinten bespielt werden kann, wurde von Joachim Knorr und Martin Schäffer gestaltet und von insgesamt 16 fleißigen Helfern aufgebaut.

Spannend ist, wie Realität und Bühne mehr und mehr einander durchdringen. Die Spieler sind im selben Satz privat und gleich wieder in der Rolle. Es wird viel klamottiert. Als „Running Gag“ werden das ganze Stück über Teller mit Sardinen über die Bühne getragen, verschwinden, tauchen wieder auf, dramaturgischer Nonsens, tolle „dichterische“ Idee!. Und „Bühnenregisseur“ Martin Schäffer: „Sardinen rein, Sardinen raus, das ist Kunst, das ist Leben, das ist Theater!“ Naja.

Die Dialoge sind spritzig, voller gegenseitiger amüsanter Boshaftigkeiten. Man kann Albernheiten aber auch totreiten, etwa wenn einem der Männer mehrfach die Hose rutscht und eine schwarze Unterhose zutage tritt. Dazu hat er noch ständig Nasenbluten. Später zeigt noch ein anderer seine Unterhose. Welch genialer Einfall des Autors!

Choreografie des Scheiterns

Unter der Regie von Jan Sandel nahmen die neun Darsteller mit Spiellust- und laune und mit extensiver Körpersprache ihr eigenes Metier auseinander. Die Choreografie des Scheiterns ist vergnüglich, vom großartigen Ensemble ernsthaft und entschieden vollstreckt. Hanni Schurer, Martin Schäffer, Volker Angenbauer, Andrea Moosmann, Nathalie Muhsau, Tom Talaj, Andrea Appel, Manfred Buck und Günther Bilsky spielen mit Begeisterung und mit professioneller Präzision ein höchst lebendiges Stück Theater.

 Situationskomik steigert sich bis zur Groteske. Die rasanten Handlungsabläufe sind vom Regisseur gut strukturiert, voller Hektik und Hysterie, sind exzellent auf die Spitze getriebene Persiflage des Theateralltags. Das scheinbare Chaos unterhielt, machte Spaß. Die exzellent studierten und höchst animierten Darsteller rissen das beschwingte Premierenpublikum mit. Am Ende gab es langen Applaus.

 Weitere Aufführungen sind am 12., 13., 19. und 20. Januar, jeweils um 19.30 Uhr. Karten gibt es beim Kartenservice im Biberacher Rathaus, in der SZ-Geschäftsstelle, Marktplatz 35 (Mo-Fr, 9-13 Uhr), unter Telefon 0751/29555777 oder bei tickets.schwäbische.de