SZ-Bericht zu Musarion o. die Philosophie der Grazien

Wunderschön gespielte MusarionPremiere
Der Dramatische Verein bringt Wieland-Epos kurzweilig und mit Spiellaune auf die Bühne. Von Günter Vogel  

Biberach - Der Dramatische Verein hat im Komödienhaus eine wunderschön gespielte Version von Wielands Versepos "Musarion oder die Philosophie der Grazien" von 1768 gezeigt.
"Macht die Begier verwegen, so macht die Liebe blöd." Entsprechend diesem Musarion-Zitat hat eine großartige Truppe um Regisseur Thomas Laengerer in Zusammenarbeit mit der Wieland-Stiftung den Eifer und die Verwirrung um elementare Gefühle kurzweilig und mit Spiellaune dargestellt.
Dazu der Dichter selbst über das Epos: "Ich wollte, daß eine getreue Abbildung der Gestalt meines Geistes (die von einigen, teils aus Blödigkeit ihres eignen, teils aus zufälligen Ursachen, vielleicht auch aus Vorsatz und Absichten, mißkannt worden ist) vorhanden sein sollte; und ich bemühete mich, Musarion zu einem so vollkommenen Ausdruck desselben zu machen..."
Soll man das Leben genießen oder nur nach philosophischen Grundsätzen leben und jeder Form von Lust entsagen? Die Inszenierung gibt darauf höchst unterhaltsame Antworten. Der Grieche Phanias (Volker Angenbauer) liebt Musarion, eine durch Geist und Schönheit ausgezeichnete Dame. Sie schenkt ihre Gunst vorübergehend einem anderen. Darauf ergibt sich Phanias der Philosophie und lebt mit seinen Freunden, Theophron, dem Pythagoreer (Emin Ahmeti), und Kleanth, dem Stoiker (Hubert Stöferle), auf dem Land. Zum Haushalt gehören noch Nymphen und Bedienstete (Lisa-Marie Hofmann, Maike Lachmair, Celina Scheuerl).
Die handlungsführenden Zwischentexte liest Regisseur Thomas Laengerer. Recht traurig lässt der Dichter die Geschichte beginnen: "In einem Hain, der einer Wildnis glich, und nah am Meer ein kleines Gut begrenzte, ging Phanias mit seinem Gram und sich allein umher; der Abendwind durchstrich sein fliegend Haar, das keine Ros umkränzte. Verdrossenheit und Trübsinn malte sich in Blick und Gang und Stellung sichtbarlich." Musarion aber sucht ihn auf, philosophiert mit ihm, und man veranstaltet ein kleines Bacchanal. Das endet damit, dass Theophron sich von der Anmut einer jungen Aufwärterin bestricken lässt, und der Stoiker betrunken unter den Tisch sinkt.
Bei Wieland heißt es hier: "Wir Mädchen seh'n doch immer mit Vergnügen die Weisheit eines Mannes zu unsern Füßen liegen." Phanias aber schleicht schmachtend in die Kammer Musarions und gibt, durch unwiderstehliche weibliche Reize belehrt, die Metaphysik auf. Er fasst den Entschluss, sich in der Stille mit ihr dem Genuss irdischer Güter zu widmen. Die beiden werden ein Paar. Bei Wieland klingt das so: "Der ausgetriebne Amor kroch, so leise, wie auf Blumenspitzen, aus ihren Augen in sein Herz." Und der Dichter lässt den Erzähler das Werk abschließen mit: "Kurz darauf verschwand Kleanth und ward nicht mehr gesehen."
Wortwitz und Leichtigkeit
Hinter der kurzen Inhaltsangabe verbirgt sich ein Feuerwerk des Wortwitzes und eine sprachliche Leichtigkeit, die etwa Goethe in seinen Werken letztlich nicht erreicht hat.

 


Schönes Schlussbild: Volker Angenbauer mit den Musa rion-Darstellerinnen Carolin Bock (v.l), Katharina Wiedmann und Silke Zeh.  SZ-Foto: Günter Vogel   2. Mai 2016


Ein trefflicher Einfall war es, die schöne, kluge Musarion dreifach zu besetzen (Carolin Bock, Katharina Wiedmann, Silke Zeh), die jeweils die Rolle in einem der drei Bücher verkörpern. Die drei Frauen stehen für die Unterschiedlichkeit des weiblichen Elements. Sie beschreiben keineswegs Austauschbarkeit. Sie stehen im Gegenteil für die Vielfältigkeit erotischer Beziehungen oder einfach für geballte unwiderstehliche Weiblichkeit, die allein durch das Freilegen einer Frauenschulter Phanias Blick starr werden lässt.