SZ-Bericht zu " Der Kontrabass"

   
Dem Einsamen bleibt nur der Kontrabass
 
Der „Dramatische Verein“ zeigte im Jazzkeller  den berühmten Einakter „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind von 1981
 
von Günter Vogel
 
In der Spielsaison 1984/85 war „Der Kontrabass“ mit über 500 Aufführungen das meistgespielte Stück an deutschsprachigen Bühnen, wurde vom Publikum sofort begeistert aufgenommen. Das Werk besteht aus dem Monolog eines alternden Kontrabassisten, den Gunther Dahinten mit hintergründiger Eindringlichkeit und sprachlicher Intensität erleben lässt. Der namenlose Mann ist Mitglied in einem Staatsorchester, der in seinem schallgedämmten Musikzimmer dem Publikum zuerst einen emphatischen Vortrag über die Vorzüge seines Instruments hält: „Es ist das grundlegende Instrument des Orchesters überhaupt mit dem tiefen Kontra - E mit nur 41,2 Hertz, das ist erdbebenmäßig. Und oben geht es bis zum dreigestrichenen C.“ Und  er spielt ein Flageolett. Seine Lobreden auf den Kontrabass werden zu einer emotionalen Suada: „Der Kontrabass ist das wichtigste Instrument schlechthin, er ist der zeugende Pool im Orchester!“ Er lobt sich als „klassischer Musiker“, der Improvisationen, wie im Jazz üblich, total ablehnt, erzählt über die technische Entwicklung des Instrumentes vom „Dreisaiter mit Quintenstimmung zum Viersaiter mit Quartenstimmung.
Der Mann ist aber ein einsamer, introvertierter, verbitterter Stubenhocker, der sein Instrument und seinen Beruf eher hasst als liebt, ein nur durchschnittlicher Musiker, der auf seinem Platz am dritten Pult gleichsam festgenagelt ist, ein „Tutti-Schwein“, wie er sich selbst nennt, der aus Rache im Konzert auch gerne mal ein paar ihrer Noten unterschlägt. Als Verursacher einer Misere sieht er das größte und unsolistischste Instrument, dem er in Hassliebe verbunden ist. „Ein Kontrabass ist mehr, wie soll ich sagen, ein Hindernis als ein Instrument. Den können Sie nicht tragen, den müssen Sie schleppen.“ Mit reichlich Bier versucht er nach jeder Vorstellung gegen seinen angeblichen Feuchtigkeitsverlust und Orchesterfrust anzukämpfen. Dirigenten hält er für überflüssig, schwärmt aber davon, unter Ricardo Muti „Rheingold“ spielen zu dürfen. Trotzdem er Wagner hasst, gibt es dafür einen besonderen Grund: Die junge Sängerin Sarah, „Sopran oder Mezzo, ist auch egal“, die die Wellgunde singt, und in die er seit langem hoffnungslos verliebt ist. „Das ist himmlisch, das ist göttlich“, schwärmt er von ihrem Gesang, und Gesichtsausdruck und Stimme werden liebevoll weich. Er hat aber noch niemals gewagt hat, sie anzusprechen; seine Verehrung gilt ihr seit Jahren im Verborgenen. Am Schluß bekleidet er sich ordnungsgemäß mit Frack und Weste und geht zu seiner Arbeit in „Rheingold“ mit Sarah. 
Der Monolog ist ein exzessives Solostück für einen Charakterdarsteller sowie ein tiefer Einblick in ein zerbrechliches Seelenleben. Gunther Dahinten beherrscht die ganze Ausdruckspalette des frustrierten einsamen Alten, der aufzubegehren versucht, sich aber schon lange seinem drittklassigen Schicksal als drittklassiger Kontrabassist hinten in der dritten Reihe am dritten Pult ergeben hat. Und Sarah wird er nie erreichen. Zu Beginn spricht Dahinten kraftvoll, viril. Mit zunehmender Offenbarung seines Daseins als Loser ändern sich Verbal- und Körpersprache hin zum tatsächlichen Underdogdasein. Nur wenn er von Sarah spricht, werden Stimme und Körper wieder jung. Das war ein ganz großartige Interpretation eines einsamen Menschen.