SZ-Bericht zu Cabaret

Dram führt meisterhafte Cabaret-Inszenierung auf

Dramatischer Verein Biberach zeigt an Silvester Musical, das die Spannungen der 30er-Jahre widerspiegelt

Von Günther Vogel

Der Dramatische Verein Biberach hat an Silvester in der Stadthalle das Musical Cabaret aufgeführt. Es ist ein Glanzpunkt großen Theaters.

Das Musical spielt im Berlin der 30er-Jahre. Das Leben pulsiert. Alles jagt dem Vergnügen nach. Aber mit der zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Instabilität wachsen in Deutschland auch Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Im Hintergrund lauert bereits die tödliche Gefahr des Nationalsozialismus. In diesem spannungsgeladenen Kontext spielt das Musical Cabaret, das 1966 am Broadway uraufgeführt wurde und seitdem über alle Bühnen der Welt tourt. Joe Masteroff schrieb die Texte des Musicals, von John Kander stammt die Musik.

Authentische Inszenierung

Regisseurin Corinna Palm inszenierte die Aufführung des Dramatischen Vereins Biberach sehr authentisch. Welten treffen auf der Bühne aufeinander. Einerseits die Welt des rauschhaften Vergnügens im Berliner Kit-Kat-Club, andererseits die Bürgerlichkeit bei Fräulein Schneider. Die Konzeption und Originalität ihrer Arbeit mit großartiger Personenführung setzen klare Kontrapunkte zum 1972 entstandenen populären Film.

    Die Darsteller imponieren mit differenzierter Darstellung und interpretatorischer Glaubwürdigkeit. Die Hauptrolle der Sally hat Corinna Palm aufgeteilt. Petra Sontheimer spielt eine verletzliche junge Frau mit viel Jungmädchencharme, die zwischen ihrer Liebe zu dem amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw und ihrer Identifikation mit dem Leben im Kabarett fast zerbricht. Als ihr Alter Ego – gleichsam als Femme fatale – agiert und singt ausdruckstark Jolanta Jarosinska. Clifford, Sallys zeitweiliger Lover und Vater ihres abgetriebenen Kindes, gibt Manfred Buck mit weichherziger Männlichkeit.

    Die Rolle des Conférenciers ist doppelt besetzt. Ewald Bayerschmidt und Martin Schäffer begleiten mit der Wucht ihrer Persönlichkeiten und prägnantem Spiel und Gesang durch fast alle Szenen. Mal im Frack mit Glatzenperücke, mal als Tunten im roten Abendkleid, steuern sie die Handlung. Die zweite Ebene neben dem Nachtclub, ist der Bereich der Wohnung des ältlichen Fräulein Schneider. Dort hat Clifford Bradshaw ein Zimmer gemietet. Weitere Mieter vervollständigen das Bild dieser dem Cabaret so fernen anderen Welt.

    Herr Schultz, ein schüchterner, alleinstehender älterer Herr, macht im Laufe des Stücks dem ebenfalls alleinstehenden Fräulein Schneider einen Heiratsantrag. Mit Freunden feiern sie ihre Verlobung, aber es kann zu keinem glücklichen Ende kommen. Herr Schultz ist Jude, und die Nazi-Bedrohung wächst ständig, wie auch die Inszenierung in bedrückender Dichte zeigt.

Verwandlung zum Nazi

    Die beiden werden sehr authentisch von Flavia Gutermann und Volker Angenbauer gespielt. Auch Fräulein Schneider hat ein Alter Ego, die klangschön singende Ana Bienek. Und Joachim Knorr verwandelt sich verstörend vom freundlich hilfsbereiten Mitreisenden Cliffords zum eiskalten Nazi.

    Die vom Ragtime und frühem Jazz inspirierte Musik Kanders sowie die revueartigen Nummern im Kit-Kat-Club sind eine Hommage an die Musik der Zwanziger Jahre – wie etwa von Kurt Weill. Zwei der berühmtesten Songs aus dem Musical sind „Cabaret“ und, „Money, money“. Roland Boehm hat die Musik mit seinen 23 Musikern exzellent einstudiert und bringt sie mit ihnen rhythmisch fetzig über die Rampe. Oliver Haux hat die Chorsätze professionell einstudiert.

    Die Choreographien von Isabel Himmler und Silke Zeh lassen die Tänzerinnen in großem Revuestil über die Bühne wirbeln oder mit neckischen kleinen Schrittchen aufgeregt umhertrippeln. Mit ihnen tanzt Chasan Chousein, der auch sehr schön die sängerischen Einlagen von Herrn Schultz übernimmt. Die phantasievollen und stimmigen Kostüme stammen von Bettina Locher, Andrea Lintner-Fimpel und Hanni Schurer. Das Simultan-Bühnenbild von Joachim Knorr und Martin Schäffer mit Schräge hoch nach hinten bedarf nur weniger Möblierung. Bildprojektionen mit Zeichnungen und Fotografien vertiefen und ergänzen die optische Gestaltung. „Cabaret“ ist ganz großes Musik- und Schauspieltheater und damit ein weiterer Höhepunkt in der so glanzvollen Reihe der musikalischen Dram-Silvesterinszenierungen.

Weitere Vorstellungen: 7., 8., 14., 20., 21. Januar; jeweils 19.30 Uhr in der Stadthalle Biberach.