Keine Religion ist der anderen überlegen

Dramatischer Verein stellt im Komödienhaus seine Neuinszenierung von „Nathan der Weise“ vor

Von Günter Vogel

BIBERACH - Nathan der Weise, ist der Titel und die Hauptfigur des Ideendramas von Gotthold Ephraim  Lessing, das 1783 in Berlin uraufgeführt wurde. Das Werk hat als Themenschwerpunkte den Humanismus und den Toleranzgedanken der Aufklärung. Im thematisch philosophischen Mittelpunkt steht die Ringparabel, ein märchenhaftes Gleichnis, mit dem Lessing die drei monotheistischen abrahamitischen Religionen Christentum, Judentum und Islam auf eine gemeinsame Wertstufe jenseits aller Ideologien stellt. Bereits im 14. Jahrhundert hatte der italienische Dichter Giovanni Bocaccio das Thema behandelt.

Regisseur Jan Sandel eröffnete das Werk mit einer realistischen Projektion eines nahöstlichen Attentats, bei dem Menschen starben. Ein interessanter Einfall, der direkt in die Handlung überleitet: Es wird berichtet, dass Recha, die Tochter des reichen jüdischen» Geschäftsmannes Nathan, in Lebensgefahr geriet. Der junge christliche Tempelherr rettet sie vor dem Flammentod.

Sultan Saladin möchte Frieden zwischen den Christen und Muslimen schaffen. Seine Kassen sind leer, und auf der Suche nach einem Kreditgeber lässt er Nathan rufen. Der Sultan stellt ihm die Frage, welche Religion er für die „wahre“ halte. Nathan weiß, dass eine falsche Antwort ihn den Kopf kosten könnte. Deshalb erzählt er eine alte Geschichte, die „Ringparabel.“ Es geht darin um eine Familie, in deren Tradition ein besonderer Ring von Generation zu Generation-an den liebsten Sohn weitervererbt wird. Ein Vater jedoch, der seine drei Söhne alle gleichermaßen liebt, beschließt, von dem Ring Duplikate anzufertigen. Dann verteilt er die identischen Ringe an die Söhne. Nach dem Tod des Vaters kommt es zu einem Streit zwischen den Brüdern, welcher der echte Ring sei. Der angerufene Richter spricht kein Urteil. Er sagt vielmehr, jeder solle seinen als den „wahren“ ansehen, denn alle spiegeln die Liebe des Vaters wider. So sei es auch mit den Religionen.

Der Tempelherr hat sich in Recha verliebt, und ungeachtet ihrer unterschiedlichen Religionen hält er um ihre Hand an. Nathan erkundigt sich daraufhin bei einem Klosterbruder nach der Herkunft des Tempelherrn, stellt fest, dass der Ordensritter und Recha Bruder und Schwester und Kinder von des - Sultans  verstorbenem Bruder sind. Der christliche Ordensritter und die Pflegetochter eines jüdischen Kaufmanns sind also Neffe und Nichte eines muslimischen Sultans. Und wie alle drei Weltreligionen gehören sie ein und derselben Familie an.

Konzentriert und modern

Regisseur Jan Sandel hat eine konzentrierte Inszenierung in modernem Sprachduktus vorgelegt. Für die Rollen fand er ausgezeichnete; schön sprechende Besetzungen. Volker Angenbauer ist ein starker und temperamentvoller Nathan, der nichts von einem philosophischen Alten, aber viel von einem selbstbewussten und liebevollen Vater hat. Seine Szene, in der er schildert, wie die Christen seine Familie umgebracht und er kurz darauf das vermeintlich christliche Kind angenommen hat, gehört zu den stärksten Eindrücken des Theaterabends. Petra Sontheimers Recha zeigt eindrucksvolle gefühlsdynamische Abstufungen. Martin Schäffers Sultan strahlt viel Herzensgüte aus; der originale Sultan Saladin ging als „ritterlicher Gegner“ in die europäische Geschichtsschreibung ein. Tom Talaj war ein sympathischer, zwischen jugendlichem Zorn und liebenswürdiger Verlegenheit schwankender Tempelherr. Michaela Binder, Emin Ahmeti, Roland Luschkowski, Carolin Bock, Günther Garlin und Joachim Knorr ergänzten ein optimales Ensemble. Es war ein großartiger Theaterabend.